Wohnregal, Berlin

Interview mit Marc Frohn, FAR frohn&rojas

JUNG im Interview mit Marc Frohn von FAR frohn&rojas über das Projekt Wohnregal in Berlin und die damit verbundenen Herausforderungen bei der Planung und Realisierung. Außerdem stellt uns Marc Frohn seinen persönlichen Lieblingsort im Gebäude vor.

1. Mit welchen fünf Stichworten würden Sie das Projekt Wohnregal beschreiben?

Das Wohnregal verbindet das Serielle mit der Vielfalt des Wohnens. Dies sind zwei Dinge, die nicht unbedingt intuitiv Hand in Hand gehen, aber im aktuellen Kontext gemeinsam zu denken sind. Ich sehe das Wohnregal nicht als Endpunkt dieser Auseinandersetzung, sondern als Startpunkt einer sich weiterentwickelnden architektonischen Beschäftigung damit. Mit der baulichen Fertigstellung eines Projekts ist üblicherweise der Prozess abgeschlossen. Beim Wohnregal ist es, wie eben beschrieben, etwas anderes.

Ein weiterer Punkt ist sicherlich auch die Offenheit, die das Projekt mit sich bringt. Das bezieht sich sowohl auf die räumliche Großzügigkeit wie auch auf die Offenheit der Aneignung der Ateliers durch die Bewohner. Teil dieser Aneignung ist auch die Aushandlung von Wohnen und Arbeiten. Alle Einheiten sind als hybride Wohn-Arbeits-Ateliers entwickelt worden.

Abschließend finde ich es auch relevant, beim Ansatz des Wohnregals über die Frage der Resilienz nachzudenken, also die Fähigkeit der langfristigen Anpassungsfähigkeit einer solchen Struktur. Das ist für mich auch eine wesentliche Frage der Nachhaltigkeit bei einem Gebäude.


2. Wo lagen die größten Herausforderungen bei der Planung und Realisierung?

Das Wohnregal ist ja dahingehend speziell, dass es sich ein Bausystem aneignet, das eigentlich aus dem industriellen Bauen kommt. Man muss das System erst kennenlernen, muss sich auf all die Besonderheiten einlassen und Dinge, die wir im ersten Moment als Einschränkung wahrnehmen würden, im zweiten als architektonischen Möglichkeitsraum begreifen. Das systemische Denken in einer solchen Bauform eröffnet einmalige architektonische Welten. Dieser Prozess war extrem wichtig, war aber auch nicht konfliktfrei.


3. Standardisiert, vorfabriziert + modular = Vielfalt + Flexibilität. Wo liegen die Grenzen des Systems? Diese sind ja eher konstruktiv bedingt als gestalterisch?

Es gibt verschiedene Grenzen. Es gibt zum Beispiel die Grenzen des architektonischen Ausdrucks innerhalb einer solchen Bauweise. Diese habe ich im letzten Punkt bereits angesprochen. Darüber hinaus gibt es auch die von uns auszulotende Grenze zwischen serieller und konventioneller Bauweise. Im Arbeiten mit seriellen Ansätzen liegt die Stolperfalle oft darin, dass man versucht, die Gesamtheit eines Projekts in eine universelle serielle Logik zu pressen. Das ist nicht hilfreich. Dem stellen wir das Regalprinzip gegenüber. Dieses bietet einen Rahmen, der es ermöglicht, in jedem Geschoss ganz unterschiedliche Grundrisse realisieren zu können und damit auch unterschiedliche Wohnvorstellungen zu konkretisieren. Es geht für mich darum, klar zu definieren, wo wir die Grenzen einer seriellen Bau- und Denkweise setzen wollen. Während sich also das Regal durch seinen hohen Grad der Vorfabrikation auszeichnet, wurden alle Innenwände in konventioneller Gipskartonbauweise realisiert. Sie ermöglichte die unkomplizierte Umsetzung aller Anforderungen an den Brandschutz und Schallschutz.


4. Projekte wie das Wohnregal können nur umgesetzt werden, wenn die Architekten selber als Bauherren auftreten und das Risiko übernehmen – brauchen wir mehr Mut zum Experiment? Was muss sich ändern?


Das ist ein zweischneidiges Schwert. Ja, wir brauchen mehr Mut, aber um Dinge tatsächlich zu bewegen, müssen andere Beteiligte die Ansätze auch aufgreifen und weiterentwickeln.

Projekte wie das Wohnregal sind essenziell. Es ist wichtig, diesen Experimentierraum aufzumachen, und wenn sich an dieser Stelle kein Bauherr findet, dann müssen wir an der Stelle selber diese Doppelrolle übernehmen. Das ist tatsächlich ein wichtiger Aspekt in diesem Gesamtgeflecht der Produktion von Ideen und Ansatzpunkten. Aber wir dürfen die Frage des Maßstabs und der Skalierung nicht vergessen. Es sind ganz andere Stakeholder, die den Wohnungsbau in Deutschland maßgeblich prägen: Wohnbaugesellschaften, Entwickler, Genossenschaften und die öffentliche Hand. Es ist essentiell, dass die Ansatzpunkte, die in experimentellen Projekten erarbeitet werden, von diesen aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Deswegen ist es für mich auch wichtig, die Prämissen vom Wohnregal nach außen zu kommunizieren, um zu zeigen, dass es diesen Ansatz gibt, und zu fragen, wer Interesse hat, das Prinzip mit uns weiterzuentwickeln.


5. Was würden Sie als das architektonisch Konventionellste an diesem Bau bezeichnen?

Das Wohnregal ist ein konventioneller Mietwohnungsbau. Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland leben zur Miete. Ich finde das eine Wohnform, die viele positive Dinge mit sich bringt, und für mich war von Anfang an gesetzt, dass es ein Mietwohnungsbau und keine Eigentumswohnungen sein sollten.

Es gibt auch eine andere architektonische Konvention, mit der das Projekt spielt – die des Fügens. Es ist eine der Grundfragen der Architektur. Mit der seriellen Bauweise, der Verwendung dieser Fertigteile hat die Frage der Fügung eine neue Relevanz bekommen. Im klassischen Industriebau arbeitet man mit einer größeren Toleranz. Zwischen den Betonfertigteilen entstehen als Resultat substanzielle Fugen, um diese Toleranz auszugleichen. Durch diese Fugen scheint, wenn man von innen gegen die Fassade schaut, das Sonnenlicht. Es mutet an, als ob die tonnenschweren Betonteile voneinander abgesetzt sind und schweben würden. Aus dem Thema der Fügung entwickelt sich ein neuer, überraschender Ausdruck.


6. Wo ist Ihr persönlicher Lieblingsort im Projekt?

Die Lichtkuppel auf der Dachebene ist mein Lieblingsort. Es handelt sich um ein Trapezblech-Gewölbe. Tageslicht dringt an den beiden Kopfenden durch das Polycarbonat ein. Es ist ein guter Ort zum Lesen.