Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, Berlin

Interview mit Roland Duda, O&O Baukunst

JUNG im Interview mit Roland Duda von O&O Baukunst über den Neubau der Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin und die damit verbundenen Herausforderungen bei der Planung und Realisierung. Außerdem stellt uns Roland Duda seine persönlichen Lieblingsorte im Gebäude vor.

1. Mit welchen fünf Stichworten würden Sie das Projekt Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch beschreiben?

Das Alte und das Neue. Das liegt einerseits an der Aufgabe, denn die Integration des Altbaus war schon 2011 Teil des Wettbewerbs. Andererseits ist es ein Umstand, der uns in der täglichen Praxis immer mehr beschäftigt. Schon jetzt arbeiten wir bei 60 bis 70 Prozent unserer Projekte im und mit dem Bestand, auch unter Nachhaltigkeitsaspekten ein drängendes Thema. Was wir mit dem Wettbewerb der Hochschule gemacht haben, ist programmatisch: Nämlich diesen Bestand so zu akzeptieren, wie er ist, alles zu nutzen, was benutzbar ist, und erst in einem zweiten Schritt zu fragen, was hinzugefügt werden muss.

Zwei weitere Begriffe – Architektur und Theater – sind wichtige Themen. Viel mehr als bei einer „normalen“ Hochschule ist Letzteres ein öffentlicher Ort des Experimentierens und Ausprobierens. Dies zu verbinden mit einem Begriff von Architektur, das ist schon etwas Entscheidendes.


2. Wo lagen die größten Herausforderungen bei der Planung und Realisierung?

Die Geschichte des Projektes weist weit in die Vergangenheit zurück. Seit Anfang der 2000er Jahre suchte man nach einem passenden Ort, die mit ca. 230 Studenten relativ kleine Hochschule für Schauspiel, Regie, Puppenspiel, Choreographie und Tanz von bislang vier auf einen Standort zu vereinen. Gleich nach dem Wettbewerbsgewinn 2011 gab es einen Projektstopp aus Budgetgründen. Erst nach einem Streik der Studenten wurde das Projekt wiederaufgenommen. Das Budget blieb eine Herausforderung während der gesamten Planung und Realisierung.

Eine weitere Herausforderung ist die Lage: Ein Hinterhof, der in dem letzten Jahrzehnt zunehmend verdichtet wurde. Die benachbarten Projekte machen keinen Hehl daraus, was sie von dem verbleibenden sogenannten Restgrundstück halten bzw. erwarten, die Baumassen sind lediglich nach den Abstandsflächen maximiert.
Der Entwurf sollte diese Entwicklung wieder umdrehen. Gewisserweise ein Stachel sein in den verbleibenden Resträumen. Dazu braucht es das Zeichenhafte und Fremde des Bühnenturmes. Der Bühnenturm besetzt diesen Hof und gibt schon aufgrund der Fremdheit der Konstruktion und des Materials ein Zeichen in der verbleibenden schmalen Zugangsgasse.


3. „Das ganze Haus ist von einer Atelieratmosphäre des Erprobens geprägt.“ Das kann man auf das Material, den Raum beziehen, aber auch auf die besondere Lage?

Alles hängt zusammen. Natürlich hilft der Bestand. Die Kombination von Altem und Neuen erzeugt eine Atmosphäre des Unfertigen und nicht Vollendeten. Zeichenhafter ist der Umgang mit dem Thema Holz. Das Material Holz hat mit dem Theater selbst zu tun. Es ist das perfekte Material für Bühnenbauten und Kulissen. Es lässt sich leicht verwandeln und neu zusammensetzen. So war es ein Anliegen, dieses Material auch außen zu zeigen.

Auch bei dem Konzept der „Wasserlinie“ kommen mehrere Prinzipien der Aneignung zusammen. Wir haben auf 2,30 Metern eine Linie durch das ganze Haus gezogen, alles darunterliegende sozusagen Greifbare wird veredelt. Alles, was darüber ist, wird belassen, wie es ist. Das betrifft die alte Betonkonstruktion, aber auch die neuen Gipskartonwände, die nur bis zu dem Stand entwickelt werden, dass sie technisch funktionieren. Durch die Beschichtung mit beschreibbarem Tafellack geben wir den Studenten die Möglichkeit, dass etwas nach draußen dringt aus den ansonsten geschlossenen Räumen. Am Anfang des Semesters ist das immer frisch gewischt, und über das Semester wird es durchweg beschrieben, bis es wieder bereinigt wird.


4. Architektur und Schauspiel – was verbindet / trennt die Disziplinen?

Es gibt Gemeinsamkeiten. Auch wir erfinden gewissermaßen Geschichten zu unseren Projekten. Es geht um die Imagination einer Atmosphäre, der Art und Weise der Nutzung. Ohne diese Vorstellung wird Architektur nicht funktionieren. Da ist das Theater mit seinen Mitteln natürlich wesentlich schneller als die statische Architektur. Im Grunde genommen ist es seine Profession, immer wieder neue Welten zu erschaffen, neue Atmosphären, neue Räume und das im Handumdrehen. Insofern schauen wir manchmal ein bisschen neidisch aufs Theater. Auf diese Schnelligkeit und diese Möglichkeiten, so zu agieren.


5. Was würden Sie als das architektonisch Konventionellste an diesem Bau bezeichnen?

Im Grunde genommen ist alles konventionell an diesem Bau. Letztendlich haben wir versucht, aus Halbfertigzeugen, die in gewisser Weise eine Konvention schon erfüllen – die Wand, die Tür etc. –, etwas neu zu kombinieren, was dann die merkwürdige Mischung vor Ort ergibt. Mit welchen Mitteln kann man arbeiten, um eben doch das überraschende Moment zu bekommen? Eine Architektur, die sich zuerst mit der Frage beschäftigt, was ist neu und nicht konventionell, ist eigentlich aus meiner Sicht falsch am Platz. Das zeigt sich besonders im Umgang mit dem Bestand. Gerade bei der Hochschule für Schauspielkunst geht es um die Frage, was bereits vorhanden und für die Aufgabe benutzbar ist, und erst danach um die Frage, was zusätzlich hinzugefügt werden muss.


6. Wo ist Ihr persönlicher Lieblingsort im Projekt?

Es gibt wunderbare Orte wie die Bibliothek. In der Bibliothek war früher ein geräumiger Saal, in dem große Montage-Bühnenbilder zusammengesetzt wurden. Wir haben diesen zweigeschossigen Raum genutzt, um so eine Art kleinen Lesesaal hineinzubringen. Sehr gerne mag ich auch die Blackbox, den großen Theatersaal. Aber eigentlich sind die besten Orte die Räume dazwischen. Die Flure, der Umgang um die Bühnen – man sieht alles! Die Requisiten, die herumliegen, die Einblicke in den Fundus und die Werkstätten, man hört leise die Proben auf den Bühnen. Man bekommt einen Einblick – und das ist das Besondere an dem Haus, dass es in gewisser Weise auch zeigen kann, wie Theater funktioniert.