Werk 12, München

Interview mit Jacob van Rijs / Christoph von Oefele

JUNG im Interview mit Jacob van Rijs von MVRDV und Christoph von Oefele von N-V-O Architekten über das Projekt Werk 12 in München und die damit verbundenen Herausforderungen bei der Planung und Realisierung. Außerdem stellen uns die beiden Architekten ihre persönlichen Lieblingsorte im Gebäude vor.

1. Mit welchen fünf Stichworten / fünf Sätzen würden Sie das Projekt Werk 12 beschreiben?

Jacob van Rijs:
Es ist ein einfaches, aber außergewöhnliches Gebäude. Nicht unbedingt in seiner Formensprache, eher in der Kombination der verschiedenen Elemente. Es ist monoton und zugleich vielfältig, flexibel, aber mit einer eigenen Identität.

Christoph von Oefele:
Ich empfinde das Gebäude als frei, weil es konzeptionell eine frische, andere Herangehensweise ist als das, was wir sonst in München haben. Und auch baulich ist es frei, weil die Geschosshöhen unglaublich hoch sind mit fünf Meter fünfzig und den eingezogenen Galerien. Das zusammen ergibt eine Luftigkeit, die auch in der Fassade mit den Balkonen ablesbar ist. Es ist wirklich schön, wie Innen- und Außenraum miteinander kommunizieren. Ich würde noch den Begriff der Lebendigkeit ins Gespräch einbringen. Es ist ein extrem lebendiges Gebäude, was dem Bauherrn zu verdanken ist, der einen wilden Nutzungsmix aus Club, Fitnessstudio und Büros ins Haus geholt hat.


2. Das Werksviertel ist das derzeit aufregendste Stadtentwicklungsprojekt im sonst eher konservativen München. Wie reagiert man auf die Erwartungshaltung nach AAHHHs und OHs und WOW?

Jacob van Rijs:
Die Geschichte des Werksviertels ist wichtig für die Entstehung des Projekts. Denn es gab bereits eine Zwischennutzungshistorie mit der Kultfabrik. Diese Spuren von Partys und Graffiti waren eine wichtige Inspiration in Kombination mit der flexiblen Industriearchitektur. Attraktiv ist auch der Kontrast. Da gibt es auf der einen Seite das konservative, gemütliche München, und auf der anderen Seite der Bahnhofsunterführung beginnt eine andere Welt.

Christoph von Oefele:
Als Münchner kann ich diesen Eindruck bestätigen. Das Werksviertel – zuerst die Pfanni-Werke, dann der Kunstpark Ost und die Kultfabrik – war immer eine Gegenwelt zum Rest der Stadt. Insofern sind WOW, AAHHHs und OHs nicht neu. Aber es entwickelt sich ein spannender neuer Zustand, denn mit jedem Gebäude, das fertig wird, entsteht ein Stück eigenes Zentrum, das spätestens mit dem Konzertsaal eine eigene Zentrumsqualität bekommt. Insofern sind die Beschreibungen eine Emotion, die an der Fassade steht, aber eigentlich nur sichtbarer Ausdruck dessen, was im Viertel passiert.


3. Eigentlich wollte der Bauherr den ehemaligen Expo-Pavillon in Hannover abbauen und im Werksviertel neu aufstellen. Aus Sicht der Circular Economy ein gutes Modell, es war aber nicht umsetzbar in der Realität. Was hat das Werk 12 mit dem Expo-Pavillon gemein und wo gibt es eine Weiterentwicklung hin zu den heutigen, komplexeren Anforderungen?

Jacob van Rijs:
Verschiedene Umstände haben dazu geführt, dass man den Expo-Pavillon von Hannover nicht einfach nach München holen konnte. Also hat der Bauherr stattdessen die Architekten für das neue Projekt nach München geholt – ohne Wettbewerb als Direktauftrag.

Christoph von Oefele:
Steidle Architekten haben den Masterplan und die Vision entwickelt und eine inspirierende und vielfältige Zusammenarbeit unter Kollegen initiiert und den Prozess moderiert. Die Projekte stehen alle im Dialog miteinander und müssen in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit in den Nutzungen ja auch irgendwie eine Spannung mitbringen, damit es nicht langweilig wird. Das ist ein schmaler Grat. Der industrielle Charakter, den man noch spürt, zieht sich überall wie ein roter Faden durch. Ein interessanter Punkt ist auch, dass die Außenanlagen aus der gleichen Feder stammen; auch das verbindet oder trennt die Bausteine.


4. Wo lagen die größten Herausforderungen bei der Planung und Realisierung?

Jacob van Rijs / Christoph von Oefele:
Eine der Herausforderungen war die Abhängigkeit verschiedener Parameter. Da war einerseits die Komplexität der Statik. Unter dem Gebäude gab es bereits eine zweigeschossige Tiefgarage, somit waren alle Lastannahmen und Lastpunkte, die eingeleitet werden konnten, schon festgelegt, bevor überhaupt der erste Strich gemacht war. Gleichzeitig war noch nicht klar, welche Nutzungen reinkommen würden. Ursprünglich war eine Büronutzung geplant, dann kam ein Fitnessstudio als Ankermieter und mit ihm ein 25 x 8 Meter großes Schwimmbecken – im dritten Stock, wo alle Lastreserven schon ausgenutzt waren… Oder der Wunsch nach maximaler Transparenz. Die Windproblematik erforderte ein Experimentieren mit dem Sonnenschutz, was aber letztendlich gut gelungen ist, weil man die Zeit hatte, dies individuell zu lösen. Das statische Konzept von Platte und Stütze wird über die Kaskadentreppen, die sich um das Gebäude winden, ausgesteift. Da diese auch als Fluchtwege genutzt werden, konnten sie sogar noch breiter werden – ein Gewinn fürs Projekt. Auch in der Brandschutzthematik wurde eine neue Lösung gefunden. Durch die Verringerung des Gebäudes um ein Geschoss, aber die Erhöhung der Raumhöhe inklusive der Mezzanine bleiben nutzbare Quadratmeter und Volumen gleich, bieten durch die Interpretation der Vorschriften aber neue Freiheiten.

Auch das Innere des Gebäudes birgt Herausforderungen, denn die Geschosshöhe von 5,50 Metern ist großzügig, aber sobald Galerien eingebaut werden, schrumpft die lichte Raumhöhe. Für die Nutzung eines Fitnessstudios kommen noch die Be- und Entlüftung sowie die Sprinklerthematik dazu. Das erfordert ein gutes räumliches Ordnungsprinzip der Haustechniker. Die Hauptstruktur ist fix, aber wenn die verschiedenen Nutzungen und Elemente unterschiedliche Lebensdauern haben, kann die Technik schnell verändert werden.


5. Was würden Sie als das architektonisch Konventionellste an diesem Bau bezeichnen?

Jacob van Rijs:
Die Basisstruktur ist wie das Domino-Haus-Prinzip. Fast schon langweilig, Quadrat mit Stützen. Auch wenn man die Grundrisse ansieht, weiß man nicht sofort, worum es geht. Aber in Kombination mit den Geschosshöhen und den Zwischenzonen durch die umlaufenden Treppen wird es außergewöhnlich.

Christoph von Oefele:
Dem habe ich wenig hinzuzufügen. Die Einfachheit von Platte und Stütze ist vielleicht das Konventionellste, wo man als Architekt anfängt. Aber dann verabschiedet es sich sehr schnell in diese Radikalität der maximalen Flexibilität. Und auf einmal ist etwas umsetzbar, von dem man vorher gedacht hat, dass es nicht machbar wäre.

Jacob van Rijs:
Auf eine Weise ist es ein sehr effizientes Projekt mit der Organisation der Innenräume. Andererseits ist es extrem ineffizient mit den großen Balkonen, die zur Bruttogeschossfläche dazugezählt werden. Das ist ein hoher Kostenpunkt, aber für das Projekt essenziell.

Christoph von Oefele:
Wenn ein Projekt entwickelt wird, dann spielen die Quadratmeter immer eine sehr große Rolle. Obwohl beim Werk 12 zugunsten der räumlichen Varianz mit den Galerien eine Ebene rausgenommen wurde, konnte die nutzbare Quadratmeterzahl erhalten werden. Man muss sich nur mehr trauen, dann können auch Wow-Effekte entstehen.


6. Wo ist Ihr persönlicher Lieblingsort im Projekt?

Jacob van Rijs:
Die Balkone! Man kann rumlaufen, mit dem Blick über die Stadt, und hat diesen Perspektivwechsel. Die Buchstaben sind symmetrisch und funktionieren von zwei Seiten – ein schöner Effekt.

Christoph von Oefele:
Bei mir sind es zwei Orte. Das Schwimmbad im dritten Stock, aus dem man über die gesamte Stadt oder in die Berge blicken kann. Und der andere Ort, der ist ein völlig verrückter Blick. In die Schnittstelle zwischen dem überdimensional hohen Raum und einer Galerie haben die Haustechniker in einer engen Situation eine Choreographie aus Lüftungskanälen reingesetzt, die wie eine Skulptur wirken.

Jacob van Rijs:
Eine andere Situation mit gleicher Wirkung ist der Städtebau an diesem Ort. Der hohe Hotelturm ist ein Knotenpunkt von Volumen. Auch hier kann man mit den Kontrasten arbeiten. Normalerweise ist der Abstand zwischen den Gebäuden größer, und damit sind die Räume kleiner. Hier sind die Verhältnisse anders, die urbane Dichte macht es richtig attraktiv.