Gebäudeintegriertes Dachgewächshaus und Verwaltungsgebäude, Oberhausen

Interview mit Wilfried Kuehn, Kuehn Malvezzi / Marc Pouzol, atelier le balto

JUNG im Interview mit Wilfried Kuehn von Kuehn Malvezzi und Marc Pouzol von atelier le balto über den Verwaltungsneubau in Oberhauses und dessen Dachgewächshaus. Wir sprechen über die Herausforderungen bei der Planung und Realisierung. Außerdem haben wir Kuehn und Pouzol nach ihren persönlichen Lieblingsorten im Gebäude gefragt.

1. Mit welchen fünf Stichworten / fünf Sätzen würden Sie das Verwaltungsgebäude in Oberhausen beschreiben?

Marc Pouzol:
Für uns ist es eine Art neues Belvedere. Der Vertikale Garten, den wir gemeinsam entwickelt haben, endet ganz oben mit einem Steg, von dem aus man einen phantastischen Blick über die gesamte Altstadt hat. Promenade ist das zweite Stichwort. Aus einer klassischen Pergola wird ein ungewöhnlicher Parcours nach oben. Das dritte Thema ist die Idee des wachsenden Hauses, das sich stets verändert.

Wilfried Kuehn:
Zeit spielt insgesamt als Thema eine große Rolle. Zeit einerseits als Prozess, weil man alles, was mit Natur zu tun hat, auch unter diesem Aspekt betrachten kann. Das haben wir sowohl im Gewächshaus und im Vertikalen Garten als auch in der Landschaft – eine Bewegung im Raum. Für uns ist noch ein anderer Zeitaspekt interessant. Das Haus ist ein Nachhaltigkeitsprojekt, auch weil dort, mitten in der Stadt, Landwirtschaft betrieben wird und neue, gebäudeintegrierte Anbaumöglichkeiten erforscht werden, bei denen sich Bürogebäude und Gewächshaus gegenseitig dienen. Das CO2 aus den Büros zum Beispiel fördert das Wachstum der Pflanzen im Gewächshaus. Das Projekt ist wie ein großer Generator, in dem Prozesse stattfinden: chemische Prozesse, physische Prozesse, Wasserkreisläufe, Luftkreisläufe. Das ist ja das, was eigentlich die Erde als Gesamtklima ausmacht. Das findet hier im Kleinen statt, also das Haus als Biosphäre. Außerdem finde ich den Gesichtspunkt der Resilienz interessant. Auch das ist ein Aspekt von Zeit. Wie überdauern unsere Städte die Zeit und wie kann eine Stadt es schaffen, ihre Gebäude nicht alle dreißig Jahre abzureißen, sondern sich in den bestehenden Gebäuden weiterzuentwickeln? Und diese Resilienz erreicht man auch typologisch. In diesem Fall dadurch, dass das Haus nicht eindeutig als Geschäftshaus charakterisiert ist. Es könnte auch dann viel, wenn man den Bedarf ändern würde. Wenn es morgen eine Schule werden soll, dann kann es auch eine Schule werden. Und wenn Wohnraum benötigt wird, könnte es auch ein Loft-Gebäude zum Wohnen werden.


2. Wo lagen die größten Herausforderungen bei der Planung und Realisierung?

Wilfried Kuehn:
Aus planerischer Sicht gab es keine unüblichen Herausforderungen. Höchstens vielleicht das Tempo – es war das Bauvorhaben, das wir bislang am schnellsten umgesetzt haben.


3. Ein Gewächshaus, ein vertikaler Garten und ein Verwaltungsbau in einem Gebäude mitten in der Stadt – wie vertragen sich die Anforderungen der Nutzungen miteinander?

Wilfried Kuehn:
Stadt heißt Komplexität. Wenn vieles zusammentrifft, dann haben wir die größte Form von Urbanität. Dass die verschiedenen Funktionen so eng beieinander sind, ist also ein Zeichen von Urbanität. Wir sind hier im Zentrum einer Stadt, nicht auf dem Land, wo alles schön für sich stehen kann oder muss. Das ist es, was für mich das Projekt ausmacht. Wenn die Funktionen nicht diese Synergie entfalten würden, dann wäre dieses Projekt an dieser Stelle in dieser Kombination unnütz. Alles für sich genommen ist es sogar trivial: Arbeitsamt, Gewächshaus, ein Gerüst. Interessant ist, dass es zusammenkommt; und der ungewisse Ausgang. Denn was man zum ersten Mal macht, das ist herausfordernd. Insofern hat sich die Stadt Oberhausen selbst eine Art Aufgabe gestellt, die sie erst über die Jahre lösen kann. Die Herausforderung wird sein, den Garten als einen öffentlich zugänglichen Ort zu etablieren, weil nur das seine Existenz auf Dauer rechtfertigt. Denn wir dürfen eines nicht vergessen: Der Wettbewerb handelte von einem Arbeitsamt mit Gewächshaus. Das war die Vorgabe, und was wir zusätzlich vorgeschlagen haben, nämlich den Vertikalen Garten, stand in keinem Raumprogramm. Den haben wir dazuerfunden und der Stadt Oberhausen damit eine Aufgabe auferlegt …

Marc Pouzol:
… oder ein schönes Geschenk gemacht! Wir versuchen, uns neu in das Thema des Gartens in der Stadt reinzudenken. Was können – jenseits von großen, spektakulären Bäumen in Hochhäusern – neue Formen städtischer Gärten sein? Der Freiraum dieser Verwaltungsgebäude ist nicht besonders groß, deshalb haben wir hier ein Format, das es noch nicht gibt: einen vertikalen Garten, beziehungsweise eine vertikale Promenade. Nicht nur hier, sondern in all unseren Projekten ist es die Idee, nah an den Pflanzen zu sein. In der vertikalen Promenade geht man förmlich durch die Pflanzen, hat die Dichte der Vegetation, das Blühen der Glyzine oder die Herbstfärbung des japanischen Weins direkt vor der Nase. Es wird selbstverständlich mit den Jahren interessanter und reicher. Vielleicht wird das Projekt ein Modell für dichte Städte, in denen es nicht viel Platz für Gärten und Parks gibt.


4. Die Fabriken von heute, die unsere Stadtränder prägen, befinden sich in einem tiefgreifenden Transformationsprozess, der neue Räume ermöglicht. Zugleich wird die Produktion vom Land in die Stadt geholt – Stichwort urbane Landwirtschaft. Welche Potenziale bringt das für die zukunftsfähige Stadt?

Wilfried Kuehn:
Ich sehe hier ein großes Potenzial. Seit meiner Kindheit habe ich keine Erdbeeren mehr gegessen, die so einen Geschmack haben wie die aus dem Oberhausener Dachgewächshaus. Und das ist auch ganz logisch, weil die Erdbeere dort genau dann gepflückt werden kann, wenn sie reif ist.
Mir scheint das sehr naheliegend zu sei, Obst und Gemüse dort zu ziehen, wo sie verbraucht werden. Der gesamte CO2-Ausstoß, den man mit dem Hin- und Herfahren der Ware produziert, entfällt. Von daher ist es in jedem Fall die Zukunft, dass die Landwirtschaft so weit wie möglich wieder nah am Verbraucher ist. Was das umgekehrt für das Land heißt – das Freiwerden von Landflächen für andere Nutzungen –, das ist auch eine ganz interessante Frage. Heute ist das Land ja sehr zersiedelt, und wir haben es tatsächlich auf eine sehr ungute Art verbraucht. Im Kontrast dazu haben wir mit dem Projekt in Oberhausen und seiner doppelten Nutzung auf einem Grundstück weniger Fläche versiegelt als wahrscheinlich jedes andere Bauwerk in dieser Stadt.

Marc Pouzol:
Zusätzlich gibt es mit dem Urban Gardening hier auch noch einen sozialen Aspekt. In jeder Etage stehen drei große Tröge, die peu à peu von den Einwohnern angeeignet werden können. Je nach Lichteinfall können sie bepflanzt werden – ob mit Essbarem oder Blühendem –, ganz nach Belieben. Der Austausch über die Produktion, die Natur oder das Wachstum verbindet. Urban Gardening hat viel mit Begegnungen zu tun und stärkt den Zusammenhalt. Leider wurde durch Corona alles gebremst, aber das ist dann der nächste Schritt.


5. Was würden Sie als das architektonisch Konventionellste an diesem Bau bezeichnen?


Wilfried Kuehn:
An diesem Bau ist alles unspektakulär: ein Massivbau mit gleich großen Fensterformaten. Auch das Gewächshaus ist ein Readymade aus am Markt erhältlichen Bauelementen, die jedoch zusammengesetzt etwas Neues ergeben. Wenn man das Ungewohnte will, muss man meistens das Gewohnte neu sehen, indem man es neu zusammenfügt. Das Lesen der Dinge ermöglicht eine neue Art des Verstehens.


6. Wo ist Ihr persönlicher Lieblingsort im Projekt?

Marc Pouzol:
In diesem Projekt gibt es keinen speziellen Lieblingsort. Durch die verschiedenen Blicke von der Promenade auf den Innenhof oder auf die Fassaden und die Lichtspiele der großen Regale ist für mich die Bewegung mein Lieblingsmoment und nicht ein Ort.

Wilfried Kuehn:
Da möchte ich mich anschließen. Für uns war Architektur immer der Moment, in dem man von einem zum anderen Raum geht, gleitet, sich bewegt, den Blick schweifen lässt. Wo man zwischen den Dingen navigiert und Architektur nicht so sehr das Objekt ist, sondern eine räumliche Erfahrung, der Zwischenraum, die Bewegung, die tatsächlich choreographisch zu verstehen ist. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Für mich ist es der Ausweis einer guten Architektur, dass man sie nicht in einem Bild fixieren kann.