taz Neubau, Berlin (E2A, Zürich)

DAM Preis Finalist für Architektur in Deutschland 2020

Foto Credit: Yasu Kojima

JUNG im Interview mit E2A über den taz Neubau, seine Heraus- und Anforderungen und ihre Ansätze und Gedanken hinsichtlich gelungener Architektur sowie der Arbeitswelt von morgen.

Wie würden Sie die Planung und Realisierung des neuen Redaktions- und Verlagsgebäudes der taz in zwei, drei Sätzen zusammenfassen?

Konsequente und durch die Bauherrschaft unterstützte Weiterentwicklung des Wettbewerbsentwurfes. Stringente Ausarbeitung der konstruktiven Details, ohne dabei als Schweizer Architekten die Übersicht über die Deutsche Baurealität zu verlieren.


Was waren die „Pains and Gains“, wie man im Marketing so schön sagt, dieses Projektes?

Wir planen unsere Häuser immer fertig und hören nicht nach einer bestimmten Leistungsphase auf. Wir wussten, dass das viel Wissen und Können, aber noch mehr Ausdauer verlangt. Ein solches Gebäude in Berlin, mehr oder weniger Termingerecht und innerhalb des Kostenrahmens zu realisieren, hat uns aber schon gefordert. Eine solche Leistung ist nur mit einem guten Team und einer ebensolchen Bauherrschaft möglich. Wer das zusammen geschafft hat, bleibt sich auch über die Bauzeit heraus verbunden.


Wie nähern Sie sich einem Bauauftrag? Gibt es ein „gängiges“ Vorgehen bei E2A oder lassen Sie eher jedes Projekt zunächst auf sich wirken und nehmen die Gegebenheiten, um jedes Mal „neu zu denken“?

Jede Bauaufgabe unterscheidet sich von der Vorangegangenen und der Nachfolgenden, so dass es inhärent zu immer wieder neuen architektonischen Konstellationen kommen muss. Wir verstehen Architektur als eine Disziplin, die sich sowohl mit der Vorstellung eines Ideals, aber auch mit der vorgefundenen Realität auseinander zu setzen hat. Was wäre eine ideale Voraussetzung für ein Verlagshaus, das sich ohne große Einschränkungen weiter entwickeln muss und was sind die räumlichen, gesetzlichen und technischen Voraussetzungen vor Ort. An dieser Dialektik arbeiten wir, bis sich daraus eine spezifische architektonische Haltung entwickelt, deren Tragfähigkeit Bestand hat.


Gab es einen Moment in dem Bauprozess, den Sie als „Knackpunkt“ bezeichnen würden? Welcher Moment war das?

Ähnlich zu unserem Entwurf für das neue Haus der taz, der ein hohes Maß architektonischer Widerstandsfähigkeit aufweist, müssen Bauprozesse resilient gedacht und geplant werden. Nur so kann ein Haus entstehen, das eben keine Knackpunkte aufweist, sondern sich stetig aus der Idee in die Realität weiterentwickelt. Voraussetzung für einen solchen Prozess ist, dass sich der Auftraggeber und Architekt einig sind, einen solchen Weg gemeinsam zu gehen.


Würden Sie dieses Bauprojekt als typisch für E2A bezeichnen? Warum ja / nein?

Alle unsere Bauten zeichnen sich dadurch aus, dass in ihnen eine klare architektonische Haltung sichtbar wird. Diese Haltung befreit uns auch von einem formalen Zwang unterschiedlichste Bauaufgaben immer wieder gleich zu beantworten. Die Frage, ob der eine oder andere Bau nun typisch für uns sei, stellt sich daher interessanterweise gar nicht.


Sie haben das strukturelle System des taz Neubaus als Netz ausgebildet. Mit möglichst wenigen Elementen wird eine größtmögliche Belastbarkeit erreicht. Entstanden ist eine Struktur, in der alle Teile gleichviel leisten müssen und nur zusammen Stabilität erreichen – ein System ohne Hierarchie. Was hat den Impuls für diese Architektur gegeben?

Wenn man sich die internationale Medienlandschaft und deren vermeintliche Krise vor Augen führt, dann ist das Eigentumsmodell der taz-Genossenschaft eine der ganz wenigen Ausnahmen, die einen im wahrsten Sinn des Wortes, unabhängigen Journalismus ermöglichen. Das diese Besitzstruktur auf einem System basiert, bei dem jede Genossin und jeder Genosse ihren Anteil am Gesamtsystem zu tragen haben, kann als Sinnbild und als Struktur der Organisationsform verstanden werden.


Ein intelligent geplantes und zukunftsfähiges Verlagshaus zu realisieren ist sicher eine Herausforderung. Es ist Ihnen gelungen, in den dreizehn Meter tiefen Büroflächen eine Werkstattatmosphäre zu schaffen und eine Vielzahl unterschiedlicher Arbeitsformen zu ermöglichen. Die Treppenskulptur im Zentrum des Neubaus ist eine vertikale Fußgängerzone – ein Ort der Begegnung. Was zeichnet für Sie moderne Arbeitswelten aus?

Moderne Arbeitswelten sind Welten, von denen man nur schwer voraussagen kann, wohin sie sich entwickeln. Es wird wohl für uns alle die große Herausforderung der Zukunft sein, Arbeit in allen erdenklichen und unterschiedlichsten Formen zu ermöglichen und dafür Gefäße zu schaffen, die einerseits alles ermöglichen können, aber noch viel wichtiger, nichts verunmöglichen sollen. Solchen Systemen muss ein unglaublich hohes Maß an Flexibilität eigen sein, aber auch eine eigentliche Robustheit vorausgehen, die der individuellen Freiheit auch eine kollektive Identität zu schaffen vermag.


Es braucht innerhalb solcher robusten Strukturen Orte, die eine dichte Kommunikation evozieren, Orte des Austausches und des informellen, ja zufälligen „Aufeinandertreffens“. Welche Bedeutung hat es für Sie, dass Ihr Projekt zu den fünf Finalisten des DAM Preises für Architektur 2020 zählt?

Architekturpreise sind ja heutzutage fast inflationär. Für fast jedes nur erdenkliche Bauwerk gibt es bereits unzählige Preise und Anerkennungen. Bei den meisten Preisen handelt es sich aber bei genauerem Hinsehen, um Marketinginstrumente großer Unternehmen oder um mehr oder weniger schlaue Geschäftsmodelle, die lediglich zeigen, dass sich mit der Eitelkeit vieler Architekten auch Geld verdienen lässt. Der DAM Preis ist da eine der ganz wenigen Ausnahmen, stellt er doch einen Preis dar, welcher das Schaffen der Architekten in den Vordergrund rückt, sich auch Zeit lässt, um sich mit der Architektur auseinander zusetzen, sie zu besuchen und die Architekten zu treffen. Wir sind ganz besonders von dieser Seriosität und Langsamkeit angetan.


Gelungene Architektur ist für Sie gekennzeichnet durch … ?

Uns interessiert gelungene Architektur, die uns zum Denken anregt. Architektur ist für uns die räumliche Manifestation einer intellektuellen Entscheidung. Das Sichtbarmachen dieses Denkprozesses mit den Mitteln der Architektur halten wir für gelungene Architektur.


Gibt es eine Gebäudeart bzw. eine Bauweise, die Sie gerne einmal realisieren würden? Und eine, die für Sie die „größte Herausforderung“ darstellt?

Uns interessiert eigentlich alles. Hier einen bestimmten Bautyp oder eine bestimmte Bauweise, hervorzuheben, würde auch heißen, einen anderen vermeintlich zu diskriminieren. Das will man eigentlich nicht tun. Nur so viel sei mal gesagt, Größe allein ist nicht entscheidend, vielmehr interessiert uns die Stadt. Städtisch zu sein, ist wahrscheinlich die größte Herausforderung – unabhängig von Bautyp und -art.

taz Neubau, Berlin